In einem neuen Licht

04. Juni 2019

Kanada und der Impressionismus - 19. Juli – 17. November 2019

 Helen McNicoll Sonniger September 1913 © Sammlung Pierre Lassonde Foto: MNBAQ Idra Labrie

In der Kunsthalle München wird erstmals in Europa eine Ausstellung mit Meisterwerken des kanadischen Impressionismus vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert präsentiert. Anhand von rund 120 teils noch nie öffentlich gezeigten Gemälden vor allem aus kanadischen Museen und privaten Sammlungen stellt die Ausstellung 36 Künstlerinnen und Künstler vor, die hierzulande nahezu unbekannt sind.

 

Die Aussicht auf eine Ausbildung bei den Pariser Malerstars lockte viele von ihnen zunächst in die französische Hauptstadt. Einige blieben in Europa, andere kehrten in ihre Heimat zurück, wo sie das kanadische Publikum mit der impressionistischen Malerei bekannt machten. In Szenen des kanadischen Alltags sowie vor allem in Landschaftsbildern fingen sie die einzigartigen Stimmungen ein, die im Zusammenspiel von Natur, Licht und Klima des Nordens entstehen. Mit diesen Werken leisteten die KünstlerInnen nicht nur einen bedeutenden Beitrag zum weltweiten Phänomen des Impressionismus, sondern schufen gleichzeitig eine ganz eigene, unverwechselbare Kunst für ihre junge Nation.

Gibt es einen ›kanadischen‹ Impressionismus? Auf den Bildern begegnen uns violett schimmernde kanadische Schneelandschaften mit Pferdeschlitten, eine Eisernte in zartem Dunst, hölzerne Totempfähle und Bäume mit Eimern zur Gewinnung von Ahornsaft. Gleichzeitigsind jedoch auch Pariser Straßenszenen zu sehen, bretonische Wäscherinnen, Damen inJapanmode, lesende Kinder oder Reiter am marokkanischen Strand. Welche Kriterien würde man der Definition eines kanadischen Impressionismus zugrunde legen? Ist di e Staatsbürgerschaft ausschlaggebend, der Geburts- oder der Wohnort der Künstler? Ein Bildmotiv aus Kanada,ein spezifischer Stil? Die Ausstellung beleuchtet anhand einer großen Vielfalt künstlerischer Positionen, inwiefern diese Fragen zu Lebzeiten der KünstlerInnen relevant waren und wie sie die Kunstgeschichte bis heute prägen.

1867 wurde aus britischen und ehemals französischen Kolonien der Bundesstaat Kanada gebildet. In dieser jungen Konföderation wurden Institutionen, an denen man sich zum Künstler ausbilden lassen konnte, gerade erst geschaffen. Initiativen, in Montreal und Toronto Kunstklassen zu etablieren, trugen nur langsam Früchte. Daher entschieden sich KanadierInnen, die eine Malerlaufbahn einschlagen wollten und die fi nanziellen Mittel für einen Auslandsaufenthalt aufbringen konnten, häufi g für eine Ausbildung in Paris, dem Zentrum des internationalen Kunstgeschehens. An der altehrwürdigen École des Beaux-Arts sowie an den privaten Akademien Julian und Colarossi, die bereits früh Frauen zum Studium zuließen, unterrichteten damals gefeierte Künstler wie Jean-Léon Gérôme (1824 – 1904), William Bouguereau (1825 – 1905) oder Léon Bonnat (1833 – 1922).

Stand während des Akademie-Studiums vor allem die Wiedergabe der menschlichen Figur im Vordergrund, so entdeckten die KünstlerInnen im Anschluss mehrhe itlich die Landschaft für sich. Am Beispiel von Malern wie William Blair Bruce (1859 – 1906) führt die Ausstellung vor Augen, wie einer anfänglichen Orientierung an der sogenannten Schule von Barbizon, deren Künstler sich seit den 1840er-Jahren im Wald von Fontainebleau der Freilichtmalerei gewidmet hatten, eine Begeisterung für den Impressionismus folgt. Nur wenige Jahre, nachdem Claude Monet (1840 – 1926) sich in Giverny niedergelassen hatte, gründete Bruce dort 1887 gemeinsam mit fünf anderen nordamerikanischen Kollegen eine Künstlerkolonie. Es entstanden Naturdarstellungen, die mit skizzenhaftem Duktus und kräftigen Farben den Wechsel der Jahreszeiten, die Veränderungen des Tageslichts oder die Spiegelungen auf dem Wasser festhielten. Nicht die Landschaft zu malen, sondern den Eindruck, den die Landschaft auslöst– dieses Credo der französischen Impressionisten ist auch in den sinnlichen Freilichtszenen der kanadischen KünstlerInnen wahrnehmbar, die in der französischen Provinz und den Küstenorten der Bretagne und der Normandie zahlreiche reizvolle Motive aufspürten. Dabei zeigen sie die Landschaft stets als kultivierte, vom Menschen angeeignete Natur, sei es als Lebensraum der Landbevölkerung oder als Freizeitraum der Bourgeoisie.

Jeweils eigene Ausstellungskapitel sind Darstellungen von Frauen und von Kindern in ihrer Freizeit gewidmet. Solche Motive, die mit dem weiblich konnotierten häuslichen Bereich verknüpft wurden, trugen zum künstlerischen Erfolg von Malerinnen wie Laura Muntz (1860 – 1930) oder Helen McNicoll (1879 – 1915) bei. In einer Zeit, in der die Industrialisierung fortschritt und Metropolen stark wuchsen, schufen die MalerInnen zahlreiche idealisierte Gegenbilder des bäuerlichen Lebens oder einer glücklichen, naturverbundenen Kindheit auf dem Land. Der Impressionismus eröffnete neue Möglichkeiten für die Darstellung von Figuren in der Landschaft, die auch verstärkt für Porträts oder Freizeitszenen im Freien genutzt wurden:An Bildtiteln wie Jugend und Sonnenlicht von Marc-Aurèle de Foy Suzor-Coté (1869 – 1937) zeigt sich die Gleichwertigkeit, die Licht und Atmosphäre nun neben der Figur einnehmen.Während das dargestellte Motiv immer mehr an Bedeutung verlor, wurde das Einfangen der Gesamtstimmung künstlerisches Ziel.

Einen weiteren Gegenimpuls zum beschleunigten, anonymisierten Großstadtleben um 1900 stellen Bilder weit entfernter Orte dar, die auf den zahlreichen Reisen kanadischer KünstlerInnen entstanden und denen ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet ist. Ein beliebtes Ziel war Venedig als »Tor des Orients«. James Wilson Morrice (1865 – 1924) erwarb sich mit seinen zarttonigen Ansichten der Lagunenstadt unter seinen Zeitgenosse n den Ruf eines »Poeten der Landschaft«. Zudem wurden französische und britische Auslandsterritorien in Nordafrika oder der Karibik als Sehnsuchtsorte reiner Ursprünglichkeit und des friedlichen Einklangs von Mensch und Natur inszeniert. In einigen Gemälden manifestiert sich das westliche Konstrukt des »exotischen Anderen«: So setzt zum Beispiel Franklin Brownells (1857 – 1946) impressionistische Szene von schwarze Frauen, die am karibischen Hafen von St. Kitts Handel treiben, einen deutlichen Kontrapunkt zur müßigen Häuslichkeit der weißen weiblichen Bourgeoisie.

In der Heimat wurde zunehmend der Ruf nach einer genuin kanadischen Kunst laut, die zur Stiftung einer nationalen Identität beitragen sollte. Dennoch fi el es den in Europa ausgebildeten MalerInnen in ihrer Heimat schwer, sich unter den Sammlern Anerkennung zu verschaffen, da der Impressionismus sich mühsam gegen die Popularität der traditionelleren Barbizon-Maler und der Haager Schule behaupten musste. Zudem wurde eine künstlerische Infrastruktur, die kanadische Kunst unterstützte, gerade erst entwickelt. Was der Strömung zu größerer Akzeptanz verhalf, war vor allem die atmosphärische Darstellung kanadischer Landschaften in impressionistischer Manier. Maurice Cullen (1866 – 1934) und Suzor-Coté wurden für ihre Winterlandschaften berühmt. In zwei Kapiteln widmet sich die Ausstellung den kanadischen KünstlerInnen nach ihrer Heimkehr. Sie schufen vor allem ländliche, zum Großteil in Quebec entstandene Szenen sowie Stadtlandschaften, in denen der Rauch der Fabrikschornsteine und elektrisches Licht von der Moderne künden. Gleichzeitig zeigt die Allgegenwart der Pferdefuhrwerke den Wunsch, an einer im Wandel begriffenen ›alten‹ Welt festzuhalten. Neben dieser Spannung hat die kunstgeschichtliche Forschung der letzten Jahrzehnte auch den Blick darauf gelenkt, wie sehr in vermeintlich »neutralen« Landschaften politische Bedeutungen mitschwingen können. Ob eine Darstellung beispielsweise Ontario oder Quebec zeigt, ob » Wildnis« oder kultivierte Natur, ist je nach Betrachter unterschiedlich mit Fragen von Zugehörigkeit und Identität verknüpft.

Die Innovationen in der Landschaftsmalerei, die Impressionisten wie Cullen, Morrice und Suzor-Coté angestoßen hatten und die die kanadische Malerei bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägten, inspirierten in den 1910er-Jahren junge, in Toronto und Montreal tätige Künstler zu einem neuen Weg: Beeinfl usst vom Post-Impressionismus schufen die Maler, die sich 1920 in Toronto zur Group of Seven sowie in Montreal zur Beaver Hall Group zusammenschlossen, ein neues Bild Kanadas. Ihre Werke bilden den Schluss des  Ausstellungsparcours. Auf der einen Seite betrieben die Künstler der Group of Seven und ihre Unterstützer eine Mythisierung der kanadischen Landschaft im Sinne nationaler Identitätsstiftung: Sie malten eine wilde, nordische, unberührte Natur mit weiten und rauen Felslandschaften, mit rauschenden Flüssen und Seen, mit herbstlich bunt leuchtenden oder verschneiten Wäldern. Die Kunstgeschichte hat die Stilisierung dieser Landschaftsbilder zum Inbegriff kanadischer Kunst in den letzten Jahrzehnten jedoch neu bewertet, da die suggerierte Leere des Landes sowohl die indigene Bevölkerung als auch Bergbaubetriebe, Holzindustrie oder Eisenbahnschienen ausblendet. Auf der anderen Seite zeigen die Werke der Beaver Hall Group, der auch viele weibliche Mitglieder angehörten, ein breites Spektrum der künstlerischen Arbeit zu dieser Zeit. Mit ihrer großen Themenvielfalt leisteten diese MalerInnen einen bedeutenden Beitrag zur Entstehung einer modernen kanadischen Kunst.

Die Ausstellung beleuchtet das Erbe der kanadischen ImpressionistInnen und zeigt wie diese KünstlerInnen ihre spezifi sche, höchst facettenreiche Art des Impressionismus ausprägten und daraus einen eigenen künstlerischen Weg entwickelten. Für sie stand – anders als für die französischen Kollegen – nicht die Rebellion gegen erstarrte akademische Strukturen oder das Aufbrechen der traditionellen Gattungshierarchie im Vordergrund. Die KünstlerInnen rangen um eine eigene Position: um ein Bild Kanadas zwischen dem Fremden und dem Eigenen, zwischen der künstlerischen Avantgarde und der Befreiung von europäischen Einfl üssen, zwischen bäuerlicher Tradition und großstädtischer Modernität, zwischen wilder Natur und industriellem Fortschritt.

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